Hallo, mein Name ist Anna und ich bin Praktikantin bei Lucy Turpin Communications. Ich studiere Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig und komme ursprünglich aus Russland. Ich erzähle in diesem Blogbeitrag über die sozialen Medien in Russland und kann damit hoffentlich ein bisschen für „Aufklärung sorgen“ – und eventuell inspiriert Euch das sogar ein wenig …

Willkommen im RuNet! Einblicke in das russische Internet …

Jeder weiß irgendwie, dass die Online-Kommunikation in den verschiedenen Teilen der Welt unterschiedlich funktioniert. Klar, Netzwerke wie Facebook, Twitter und Youtube dominieren in den meisten Ländern, aber in manchen werden die lokalen und regionalen Netzwerke lieber genutzt. Und für Profis ist es natürlich wichtig zu wissen, welche Plattformen im jeweiligen Land präsent sind, um eine erfolgreiche Marketingstrategie aufzubauen.

Die russischsprachige Online-Welt (man nennt es auch Runet = Russisch + Internet) hat viele Eigenheiten, die man in anderen Teilen des weltweiten Netzes so nicht antrifft. Wir haben nicht nur eigene soziale Netzwerke, sondern auch Trends, Regeln und sogar Probleme, die unbekannt für die Nutzer aus anderen Ländern sind. Ich werde oft gefragt: „Nutzt man Facebook/Snapchat/WhatsApp usw. in Russland?“ „Ja, klar!“, lautet meine Antwort, aber eben ein bisschen anders.

Wenn Facebook in Europa und USA das meistgenutzte soziale Netzwerk ist, steht es bei uns in der Popularität bestenfalls auf der zweiten Stelle (die Statistiken unterscheiden sich). Die Gründe dafür ist die Existenz eines alternativen sozialen Netzwerks – VKontakte. Ich nenne es „russischsprachiges Facebook“. Im Vergleich zu Facebook sind die meisten Nutzer unter 35 Jahre alt. Das Design und die Funktionalität sind ähnlich, aber es gibt Funktionen, die es in Facebook nicht gibt und die ich persönlich sehr toll finde. Z.B. kann jeder Nutzer seine eigene Audio Playlist aufbauen – über das Netzwerk kann man die Audiodateien dann hochladen, zum Profil hinzufügen und kostenlos hören. In Deutschland sind wegen des Copyrights die meisten meiner Audioaufnahmen nicht verfügbar. Man könnte natürlich über ein VPN-Programm für den Browser diese Einschränkung umgehen – aber das mache ich natürlich nicht! Gleiches gilt für Videodateien, die man auch direkt im Profil ansehen kann. Solche Möglichkeiten machen VKontakte zu einer Plattform zum Dateiaustausch, neben den Funktionen eines bequemen sozialen Netzwerks.

Noch eine interessante Funktion in Vkontakte, besonders wichtig für SoMe-Pros, ist der Timer. Man kann für alle Posts (egal ob privat, in den Gruppen oder auf Eventseiten) „den Timer stellen“, d.h. die Zeit auswählen, wann es auf einer der Community-Seiten veröffentlicht wird.

VKontakte wird in allen Ländern, in denen Russisch weit verbreitet ist, verwendet: Dazu gehören Ukraine, Weißrussland, Georgien, Aserbaidschan, Lettland, Kazakhstan usw., aber die Webseite ist auch in vielen anderen Sprachen verfügbar, z.B. in Deutsch und Englisch. Was ich ebenfalls mag: die Plattform ist nicht mit Paid-Ads überfrachtet, obwohl man gezielte Werbung in Communities oder in Bannern sehr einfach platzieren kann.

Ältere Social-Media-Nutzer in Russland ziehen andere Webseiten wie OK.ru (Odnoklassniki = „classmates“) oder Facebook vor. Analysten sagen, dass die Popularität von Facebook in Russland aufgrund der dort geführten Business-Konversationen groß ist.

Als Beispiel für eine russische Messaging-Plattform zeige ich „Telegram“. Interessant daran ist, dass man dort Kanäle erstellen und so öffentliche Mitteilungen an ein großes Publikum schicken kann. Die Kanäle können als klassische Chats von zwei oder mehr Usern genutzt werden, aber es ist auch möglich, einen einseitigen Kanal zu verwenden: tritt man einem Kanal bei, erhält man die Nachrichten des Kanal-Autors. Das heißt, man kann lesen,  was der Autor im Chat postet, ohne selbst in diesem Chat schreiben, kommentieren oder antworten zu können. Solche Chats sind meist von Unternehmen, Medien oder Influencern geführt. Denn so verbreiten diese eigenen Content für ihre Follower. Das macht Telegram meiner Meinung nach zu einem Hybrid zwischen Messenger und klassischer Social Media Webseite.

Ein Unterschied bei der Online-Kommunikation, der mir zufällig zum Schluss noch aufgefallen ist, ist eine Besonderheit in der Verwendung von Emojis. Wollen wir zum Beispiel etwas betonen, ist es bei uns üblich, bei den Smileys “: )“ oder „/ :“ nur die Klammern zu schreiben und den Rest zu ignorieren. Ein Beispiel:

Ich möchte etwas sagen, dass „mich freut))))))))))“ oder „ich bin traurig((((“

So umarmen die Klammern meine Nachrichten und klingen dadurch netter oder trauriger. Ganz untypisch für andere Sprachen, was ich nicht wusste, weil ich es eben anders gewohnt bin.

Anna A.